VOLUMINA

VOLUMINA, das ist ein heterogenes Programm aus Musik- und Klangkompositionen: Klassische Musik in ihrer Urform, Neue Musik (Klang im Raum) und Musik unserer Zeit, die als das Ende der Komponistenära bezeichnet werden könnte, treffen auf einander. Drei divergierende, auseinanderstrebende Musiksprachen, die sich in ihrer Natur und ihrem historischen Kontext von einander unterscheiden, aber auch Schnittmengen aufweisen. Dieser ungewöhnlichen Programmzusammensetzung wurde im Ablaufplan des Konzerts Rechnung getragen. Ein „Vor dem Konzert“ gibt es nicht. Die Musik klingt bereits, während das Publikum den Raum betritt und seine Plätze einnimmt. Mit Bach, dessen wieder- erkennbare Kompositionen seit Jahrhunderten als das Maß aller musikalischen Dinge gelten, appelliert der Konzertbe- ginn an die traditionelle Vorstellung von „Klassischer Musik“. Für viele von uns beginnt die Beziehung zu Klassik durch die Berührung mit Bach, was auch durch das vielzitierte Bonmot „Bach ist der Anfang und das Ende der Musik“ zum Ausdruck gebracht wird.

COME IN (reduced).mp3Vladimir Martynov
00:00 / 25:55

BACH

Sonaten und Partiten für Violine solo

LIGETI

„Volumina“ für Orgel solo

MARTYNOV

„Come in“ für Violine, Orgel und Glockenspiel

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Asya Sorshneva (Violine)
Peter Aidu (Orgel)
Rafael Schwarzstein (Glockenspiel)

Wir hören Sonaten und Partiten für Violine solo. Das „Sei solo“ aus dem Originaltitel „Sei Solo a Violino senza Basso accompagnato“ läßt sich als „Du bist allein“ übersetzen. In diesem „Alleinsein“ klingt nicht nur die einsame Stimme der Geige und damit auch der Solistin an. Auch der Zuhörer wird in der Begegnung mit dem feinen Klanggewebe Bachs persönlich angesprochen und gleichsam zu einer individuellen Meditation eingeladen. Das Konzert läuft. Der Kontrast zwischen Sei Solo a Violino und Ligetis VOLUMINA könnte nicht größer sein:

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich an einem unwetterumtosten Nordseestrand, Sie hören aber nichts: Der Ton ist aus. Und dann dreht man die Lautstärke schlagartig voll auf... So beginnt die VOLUMINA von Ligeti für Orgel solo – mit einem heftigen Cluster, der alle Register und Töne der Orgel beansprucht und die Hörsinne verwirrt. Der Vergleich zwischen dem Nordseesturm und dem wuchtigen Klangbrausen des Auftakts von VOLUMINA mag angesichts von Ligetis Klanggewalt sogar noch untertrieben scheinen, es geht aber nicht um Lärm in dieser Komposition. Ligeti drängt die Orgel zu einer unerhört facettenreichen Klangvielfalt und über- wältigt den Zuhörer, indem er ihn in ein rauschhaftes Kaleidoskop aus Soundformen und alternativen Klangballungen hineinstößt. Harmonie im Chaos.

Nach Martynovs Auffassung ist die Zeit der Komponisten vorbei. Mit atemberaubender Geschwindigkeit hat sich die klassische Musik sowie der Begriff „Klassische Musik“ in den letzen hundert Jahren drastisch entwickelt, verändert, sich an neue gesellschaftliche Maximen und aktuelle Bewustseins-Modelle angepaßt, aber auch angebiedert. Martynov schreibt keine „Neue Musik“ im eigentlichen Sinne. Sein Schaffen zeichnet sich aus durch eine radikale Abkehr von den tradierten Bildern des Komponisten und seines Œuvres. Seine Musik ist gesichtslos. Sie ist einfach Musik. Wenn man sie hört, entfällt die Frage: „Wer ist der Komponist?“ – COME IN entsprich ganz Martynovs Stil: sie erhebt keinen Anspruch auf Innovation, ist angelehnt an Musik aller Zeiten, meditativ und friedfertig.