ANTROPOCENPHONIA

Komposition in 12 Sätzen für Perkussion, Life-Electronics und gemischten Chor ad libitum von Peter Aidu.

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„Jemand hört Maschinenlärm – ich höre Maschinenmusik“ – so schrieb der Komponist Alexander Mossolov in seinem Brief an Josef Stalin in Bezug auf sein berühmtes Werk für Sinfonieorchester „Die Eisengießerei“. Diese Äußerung kann mit Fug und Recht dem Projekt von Peter Aidu ANTROPOCENPHONIA als Motto vorangestellt werden.

 

Der Name ANTROPOCENPHONIA verweist auf den im Jahre 2000 von Paul Crutzen und Eugene Stoermer vorgeschlagenen Begriff Anthropozän zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche, namentlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren für die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

 

Der Partitur liegen Audio-Aufnahmen aus modernen Fabrikhallen zugrunde, die für das Werk als Skizzen dienten. Die Klänge und Töne unterschiedlichster Herstellungsprozesse verbinden sich zu einer einheitlichen musikalischen Textur. Klänge, die eine Nebenwirkung der realen Produktion sind, werden hier unter dem Gesichtspunkt der reinen Musik betrachtet. Damit offenbart sie einen Bezug zur Epoche des Konstruktivismus verweis und unterstreicht die besondere akustische Atmosphäre und den einzigartigen Klang von Produktionsprozessen, die Peter Aidu reflektiert.

Die Partitur verwendet alle Arten von Perkussion-Instrumenten – von traditionellen bis hin zu experimentellen Instrumenten, die gleichermaßen gefundene Objekte sowie zusätzlich speziell entwickelte analoge elektronische Instrumente und elektroakustische Systeme einschließen. Im Performance-Toolkit werden verschiedene, zum Teil vollkommen gegensätzliche Objekte auch  in eine überraschende, räumliche Beziehung zueinander gebracht: Waffen und Polizeiknüppel, Duschvorhänge und aus dem Kopf einer Plastikpuppe gefertigte Maracas, Geschirr, Koffer und Sperrholzkisten, ein Gummidildo oder das Rad eines Skateboards.

 

Das aus diesen in keinem erkennbaren Zusammenhang stehenden Objekten, Musikinstrumenten und elektronischen Geräten zusammengestellte, "postapokalyptische Orchester“  reproduziert die Werkstattklänge der realen Welt, in dem es sie zu einer klar aufgebauten, Instrumental-Komposition überhöht. Dazu bediente Aidu sich eines besonderen Prinzips, das er als Phonorealismus bezeichnet. Das System zum Aufbau eines Klanggewebes ist die Reproduktion realer Klangphänomene durch das Prisma des musikalischen Bewusstseins. Dieses Prinzip kann als eine Art „akustischer Cargo-Kult" beschrieben werden. Eine Mischung aus Primitivismus und ästhetischer Arbeit mit Klang erzeugt eine ganz besondere Wirkung, da Alltagsgeräusche, die verschiedene Lebensvorgänge widerspiegeln, bewußt zu einer Art sakralem musikalischen Akt umgedeutet werden. Ein ähnliches Prinzip wurde von Peter Aidu in „Sound Landscapes" verwendet - dort ist er jedoch eher ein Manifest der Prinzipien des Phonorealismus und des Akustiktheaters. ANTHROPOCENPHONIA ist der nächste Schritt in der Erforschung der Klangwelt, hier wurde ein reales Hörerlebnis erarbeitet. 

Das Werk besteht aus 12 gegensätzlichen Episoden, von denen jede ein statisches Klangbild bestimmter Maschinen, Werkstätten und Produktionsprozesse darstellt:

 

1. Radialschmiedemaschine

2. PET-Streckblasmaschine

3. Vibro-Taumelmaschine

4. Forstwirtschaft

5. Stempeldruck

6. Schwingung-Sortierer

7. Pumpenstation

8. Drehmaschine: Herstellung von Holzkugeln

9. Getreidemühle

10. Verpackungsmaschine

11. Schleiferei

12. Werkhalle der feinen Behandlung

 

Der vorbereitende Schritt für die Gründung von ANTHROPOCENPHONIA war die Arbeit an der FGK-Ausstellung (Fabriken-Gerüche-Klänge) im Perm Museum of Modern Art 2017. Im ersten Stock des Museums wurde eine Audio-Installation gezeigt – Im Wesentlichen eine Klangausstellung, eine Art Kunstkamera bestehend aus Werksgeräuschen, die in mehreren in funktionierenden Perm-Fabriken und -Anlagen aufgenommen wurde. Dort fungierten sie aber eher als Dokumentationsmaterial und akustische Ausstellungsobjekte, die sich gleichzeitig zu fertigen elektroakustischen Kompositionen entwickelten, sodass sie im Kontext „konkreter Musik“ eine Position zwischen  zwischen industrieller Ethnographie und Klangkunst einnahmen. In ANTHROPOTSENPHONIA wird dieses Klangmaterial für Live-Musiker konzentriert und "instrumentiert".

Bei der Suche nach geeignetem Instrumentarium wurden viele Experimente mit verschiedenen Materialien, Objekten, Schallentnahmemethoden und DIY-Elektronik durchgeführt. Als Ergebnis dieser Laborarbeit wurde vieles verworfen, nur wenige Lösungen wurden in der Partitur verwendet.

 

Der Entstehungsprozess dieser Musik erinnert als kollektive Arbeit, an der Musiker, Toningenieure und Klangkünstler teilnehmen, an Filmproduktionen. An diesem Wegekreuz haben sich Menschen versammelt, die sehr unterschiedliche Hörerfahrungen und Spezisierungen vorweisen können. Alle vereint jedoch eine besondere Empfänglichkeit, die Begeisterung für neue Formen und große Erfahrung in der künstlerischen Arbeit mit Klang.

Das Projekt wurde mit Unterstützung des Polytechnischen Museums, des Perkussion-Ensembles von Mark Pekarsky und Schule der Dramaturgie in Moskau gegründet.

PETER AIDU

Peter Aidu ist ein universeller Künstler und virtuoser Tausendsassa. Der Multiinstrumentalist und Initiator unzähliger Kunst- und Kulturprojekte ist eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten auf den internationalen Podien.

 

Als Musikforscher und Archäologe der europäischen Avantgarde setzt er sich in vielfältigen Projekten mit der kurzen, kulturellen Blütezeit der 1920er auseinander. Zu seinen bedeutendsten Projekten zählt die Revitalisierung des legendären Orchesters ohne Dirigenten „PERSIMFANS“, das zwischen 1922-33 in der Sowjetunion tätig war. Des Weiteren gründete Aidu 2012 die interaktive Klang-Ausstellung „ReConstruction of Noise“ und kreierte das theatralisch-multimediale Bühnenkonzept „Reconstruction Utopia“, mit dem er in Moskau, St. Petersburg, Wladiwostok, Perm und Berlin große Erfolge feierte. Der Initiator und Spiritus rector komplexer historischer Projekte wurde mit dem Grand Prix beim Sergey Kuryokhin Modern Art Award 2014 ausgezeichnet.

 

Bei der Konzeption seiner Konzertprogramme ist Aidu ein vehementer Verfechter von Authentizität und setzt sich dafür ein, Musik auf historischen Instrumenten zu interpretieren. Aidus künstlerisches Interesse gilt allen Musikepochen. Seine spektakuläre solistische Interpretation von Steve Reichs „Piano Phase“ sorgte international für Furore. Aidu spielt das minimalistische Meisterwerk, das Reich für zwei Pianisten schrieb, als Solist auf zwei Flügeln gleichzeitig.

 

Der in Moskau geborene Peter Aidu studierte am Konservatorium seiner Heimatstadt Klavier und Orgel. Anschließend lernte er Cembalo, Hammerklavier und Laute im Fach „Historische Instrumente“ an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Peter Aidu ist Preisträger internationaler Wettbewerbe wie der World Piano Competition Cincinatti (USA, 1991) und der International Music Competition Rom (Italien, 1997). Seit einigen Jahren ist er Solist der Moskauer Philharmonie. Neben seiner Aktivität als Solist und Projektgenerator betreut Aidu den Lehrstuhl für Klavier, Cembalo und Kammermusik am Konservatorium in Moskau.