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Severin von Eckardstein in der Reihe "Meesterpianisten" am 22. Januar 2017 im Concertgebouw Amsterdam

Foto © Yoshie Kuwayama

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Die Magie von
Severin von Eckardstein
Am 22. Januar J. L. spielte der feinsinnige und vielseitige deutsche Pianist Severin von Eckardstein (Düsseldorf, 1978) zum sechsten Mal ein Rezital in der Serie "Meesterpianisten". Kurz nachdem er in 2003 den Königin Elisabeth Wettbewerb gewonnen hatte, schrieb ich im NRC Handelsblad meine erste Rezension über diesen wunderbaren, äußerst vielseitigen Pianisten: "Severin von Eckardstein spielt Klavier wie Heine Gedichte schrieb". So ist es immer noch.

Von Eckardstein analysiert die Musik wie ein Philosoph, formt musikalische Bausteine wie ein Architekt zu Traumschlössern, stellt die luziden Bauwerke in die wunderlichsten Landschaften, lässt sich tragen von Bächen und Flüssen, um mit den Sirenen zu flirten, und färbt alle Noten wie Blumen mit feinsten Schattierungen aus Goethes Farbenlehre. So etwa.

In einer selbstlosen Wolke von Melancholie und Verlassenheit kam er die lange rote Treppe im Concertgebouw herab, wobei seine Körpersprache ausdrücken zu wollen schien: "Ich bin hier jetzt auf dem Weg zum Flügel, aber es geht nicht wirklich um mich. Ich bin hier nicht zum Gefallen des Publikums. Es interessiert mich nicht, was die Menschen an mir finden, Ruhm und Erfolg bedeuten mir nichts. Ich möchte eine Welt aufrufen, die größer und bezaubernder ist als alles andere."

In der introvertierten Art, wie sich von Eckardstein hinter den Flügel setzte, konnte man an eine musikalische Reinkarnation von Proust denken. Als ob er als romantischer Seelenverwandter des 'Der Wanderer über dem Nebelmeer' in dem Gemälde von Caspar David Friedrich in der metaphysischen Welt auf die Suche nach den Geheimnissen der verlorenen Zeit gehen wollte. Nicht in Worten, sondern in Klängen. Doch dauerte es noch etwas, bis sich der Pianist ganz der Musik hingeben konnte, welche deutlich spürbar sein treuester Begleiter im Leben ist.

Von Eckardstein begann mit Schumann Fantasiestücke Nr. 12, in denen das Spannungsfeld der beiden Alter-Egos des Komponisten deutlich wird: der ungestüme Florestan und der gereifte Eusebius. Imaginäre Landschaften entstanden und Träume zogen vorbei, worin beide Seiten von Schumanns Persönlichkeit die Zuhörer abwechselnd durch Fröhlichkeit, Trauer und tiefe Düsternis führten. Von Eckardstein bewahrte intuitiv eine gewisse Distanz, während sich die Phantasie-Bilder auf plastische Weise in äußerst feinen und nuancierten 'Klangbildern' manifestierten. Es war schön, doch auch noch ein wenig unfrei.

Ravels Gaspard de la Nuit befreite von Eckardstein von seiner Zurückgenommenheit, vielleicht nur Schüchternheit. Hier kam der Pianist wirklich in Fahrt, mit einem kristallklaren, transparenten und herausfordernden Ravel, worin er mit bewundernswerter Geschmeidigkeit in seinen Phrasierungen, der Brillanz seines Klanges und ständig wechselnden Perspektiven auf das komplexe Geflecht an Melodien und Harmonien hauchfeine Farbnuancen hervorrief.

So schuf er eine Magie, die nicht zurücksteht hinter dem geheimnisvollen Zauber der untergehenden Sonne auf den besten impressionistischen Gemälden. Auch Gaspard de la Nuit besteht aus drei "Nachtstücken": Ondine handelt von den gefährlichen Verlockungen einer verliebten Wassernymphe, in Le Gibet zeichnet sich die Silhouette eines Erhängten gegen den blutroten Abendhimmel ab und in Scarbo hält ein Quälgeist die Menschen von ihrem Schlaf ab. Ob das nun die wasserschnellen Arpeggien in Ondine, die Unheil verkündend klingenden Todesglocken in Le Gibet oder die schikanierend wiederholten Noten in Scarbo waren, alles brachte von Eckardstein mit herrlich ausbalancierten Spiel und einer hypnotisierenden Phantasie zum Ausdruck.

Nach der Pause erklangen drei wehmütig, verinnerlicht und rein gespielte Stücke aus Sechs Klavierstücke, op. 118 von Brahms, wie wenn von Eckardstein als ein alter, vereinsamter, resignierter und vielleicht sogar nach dem Tod sich sehnender Mann über den Schlossgraben seiner verlassenen Burg blickte. Weise wie eine alte Seele, erspürte er sicher die Stimmung und musikalische Essenz dieser Brahms Stücke. Das Ungestüm der Jugend kehrte zurück mit seiner beispiellos klugen Interpretation der selten gespielten Sonate- Ballade in F, op. 27, von Medtner, einem komplexen, originellen und wild virtuos musikalischen "Abenteuerroman", in dem von Eckardstein die Zuhörer mit beeindruckender pianistischer Größe mitnahm auf eine Reise durch die Zeit.

Zum Schluss spielte von Eckardstein noch drei Zugaben von Medtner, Prokofiev und Grieg, bevor sich dieser Piano-Star, der kein Star sein will, wie ein Schlafwandler davonmachte.
Rezension von Wenneke Savenije, Montag, 30 Januar 2017
(Übersetzung aus dem Holländischen)
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